Die guten Menschen von Gomel

Die Evangelische Kirchegemeinde Alzey unterstützt im Rahmen ihres Gomelprojektes auch eine
weißrussische Elterninitiative für Familien, deren Kinder an den Folgen der Reaktorkatastrophe
erkrankt sind
.

Von Fabian Berg

Weißrussland/ im August 2006.

Im Rahmen ihres Gomelprojektes unterstützt die Evangelische Kirchengemeinde Alzey auch eine „Gomeler Ärzte- und Elterninitiative für Kinderleukämie“ mit Geld- und Materialspenden. Im vergangenen Jahr wurde für die Gruppe ein Computer mit Internetanbindung zur besseren Kommunikation angeschafft, im Vorjahr halfen die Alzeyer mit der Anschaffung eines Wäschetrockners, der Mütter von Kindern, die längere Zeit im Krankenhaus verbringen müssen, die Wäsche erleichtert.

Die Elterninitiative ist eine öffentliche Gebietsorganisation, die 1993 von der Kinderärztin Tatjana Schumichina und aufgrund gemeinsamer Bemühungen von Fachärzten und Eltern gegründet wurde. Anfangs gehörten der Initiative 20, derzeit 217 Familien an. „Die Gruppe will Kinderinvaliden mit schweren Bluterkrankungen unterstützen, zur Gesundung der kranken Kinder beitragen und materielle sowie psychologische Hilfe für die betroffenen Familien leisten“, betonte Larissa Kowal, Kinderärztin und Leiterin der Initiative, jetzt im Rahmen der diesjährigen Gomelreise der Evangelischen Kirchengemeinde Alzey. Die Frauen, die sich für die Initiative engagieren, erledigen ihre Arbeit ehrenamtlich. Die meisten haben oder hatten auch selbst erkrankte Kinder. Die Elterninitiative organisiert auch Erholungsurlaube für Kinder nach Deutschland, etwa in Kooperation mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover.


Die Alzeyer Delegation zu Gast im Büro der Initiative, ein Foto erinnert an die Gründerin Tatjana Schumichina (v.l.)


Zu Feiertagen wie Weihnachten und Ostern richtet die Initiative Feste für die Familien aus; jedes Kind bekommt ein Geschenk zum Geburtstag. „Den Eltern gegenüber will die Organisation jedoch auch fachlichen Beistand leisten, etwa bei sozialrechtliche Fragen sowie solchen zum medizinischen Strahlenschutz“, erklärt Larissa Kowal. Der Alzeyer Pfarrer Joachim Schuh weist darauf hin, dass für die Elterngruppe „der Kampf um die staatliche Anerkennung einer Erkrankung als Tschernobylfolge breiten Raum einnimmt.“ Solche Kinder erhalten in Weißrussland eine monatliche Rente von rund 20 US-Dollar.

Seit dem letzten Jahr wurden die Gesetze für Hilfsorganisationen in Weißrussland rapide verschärft; es gab ein längeres Untersuchungsverfahren, das zur Schließung zahlreicher Initiativen geführt hat. Auch die Elterninitiative in Gomel wurde von Steuerbehörde, Gesundheitsministerium und der nationalen „Abteilung für humanitäre Angelegenheiten“ genau geprüft. Im Ergebnis darf die Initiative ihre Arbeit weiter verrichten. Zugleich aber sagen die Frauen, es sei nun nicht mehr sicher, in den Büroräumen offen zu sprechen.

"Wir bieten ein Netzwerk"

Auch vor Ort bemüht sich die Elterninitiative um Sponsoren, etwa wenn für die Familien ein Nikolausfest mit frischem Obst ausgerichtet werden soll. „Allerdings wird es immer schwieriger, die örtlichen Betriebe für uns zu gewinnen, da diese seit diesem Jahr von der Regierung angehalten werden, zunächst alle staatlichen Einrichtungen zu unterstützen“, erzählt Irina Danenkowa, die stellvertretende Leiterin der Initiative.

„Wir bieten den Familien ein Netzwerk, in dem sie sich offen über die Erkrankungen ihrer Kinder austauschen können“, sagt Danenkowa weiter. Das Thema Erkrankungen infolge des Tschernobylunglücks werde im nachbarschaftlichen Umfeld oft verschwiegen und sei vielerorts ein regelrechtes Tabuthema. Hinzu komme, dass in einigen Familien nicht einmal die Partner miteinander über die Erkrankung ihrer Kinder sprechen könnten, weil sich vor allem die Väter nach einem negativen Diagnosebescheid der Kinder von ihrer Familie abwenden würden. Innerhalb der Initiative finden die Frauen dagegen Austausch und Beistand, so Danenkowa weiter: „Intensive Betreuung und Seelsorge erfahren die Familien insbesondere, wenn Kinder an Leukämie sterben.“


Irina Danenkowa zeigt die Akten der Kinder, Fotos erinnern an Feste - verstorbene Kinder (v.l.)