| Weißrussland/
im August 2006.

Die Familie Motorenko: Sohn Victor, Mutter Mariaj Stepanovna
und Vater Ivan Micheilovich, rechts Vater und Sohn im Gespräch
Herr Motorenko, Sie waren gerade 18 Jahre alt, als Sie 1941
für die Rote Armee in den Krieg gezogen sind. Wo genau zogen Sie
damals hin?
Ivan Micheilovich Motorenko: Im Juni 1941 zog ich mit der Roten Armee
in die Ukraine und zwar im Rahmen der sowjetischen Offensive gegen die
deutschen Truppen. Ich gehörte zu einem Vortrupp, als wir im Mai
1942 von den Deutschen eingekesselt wurden.
Sie
kamen in deutsche Gefangenschaft. Was haben die deutschen Truppen auf
ukrainischem Gebiet mit Ihnen gemacht?
Die ersten zwei Monate war ich in verschiedenen Gefangenenlagern in der
Ukraine, danach wurden wir mit dem Zug nach Deutschland deportiert. Die
Lebensumstände waren sehr schwierig. Die ersten Lager waren wie Folter.
Wir wurden wie Vieh auf einer Weide gehalten. Nur, dass es kein Wasser
und keinerlei Nahrungsmittel gab. Wir haben etwas Gras gegessen. Wir mussten
immer auf der Erde sitzen, es gab also keine Schlafgelegenheiten. Eigentlich
gab es nur einen großen Zaun und Mauern. Und wer bei den Märschen
zwischen den Lagern keine Kraft mehr hatte und wegen Erschöpfung
auf dem Boden liegen blieb, wurde sofort erschossen.
Bevor wir in ein deutsches Lager in der Nähe von Paderborn kamen,
wurden wir auf dem Weg zunächst noch in einem anderen russischen
Lager gesammelt. Dort gab es ebenfalls weder Nahrungsmittel noch Wasser.
Wie
haben Sie überlebt?
Na ja, ich war jung, kräftig – und hing am Leben.
Nach
insgesamt vier Gefangenenlagern in Russland und der Ukraine kam die Deportation
nach Deutschland?
Ja, das verlief bei uns auch nicht anders als bei den meisten dieser Eisenbahntransporte.
Auch wir waren zu jeweils 80 bis 100 Menschen in einem gewöhnlichen
Viehwagon untergebracht – kein Fenster, keine Toilette.
Wohin
genau wurden Sie hingebracht?
Wir kamen bei Hövelhof unweit von Paderborn in das sogenannte Stalag
326.
Übersetzt
aus dem Nazi-Abkürzungskauderwelsch heißt Stalag „Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager“.
Rund 300.000 Gefangene gingen zwischen 1941 und 1945 allein durch dieses
eine Lager. 65.000 Gefangene überlebten das Stalag 326 nicht.
Für
mich war das zum Glück nur ein Durchgangslager. Ich wurde von dort
mit rund 180 anderen Männern zu einer Möbelfabrik transportiert,
wo wir zur Zwangsarbeit eingesetzt und in Baracken einquartiert wurden.
Dort waren die Bedingungen deutlich besser. Es gab 150 Gramm Brot pro
Tag und etwas Gemüsesuppe. In der Möbelfabrik arbeiteten auch
deutsche Gefangene. Vielleicht waren das Deserteure aus der deutschen
Armee, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls verbesserte das die Behandlung
von uns allen.
Wie
lange mussten Sie dort arbeiten?
Bis zum Kriegsende. Wir haben das erst gemerkt, als plötzlich die
Aufseher weg waren. Wir gingen raus und alles war leer, nirgends Soldaten
in Sicht. Wir haben dann deutsche Dorfbewohner gefragt, was eigentlich
los ist und kamen mit anderen, polnischen Zwangsarbeitern zusammen. Einen
Tag später kamen die amerikanischen Truppen. Die haben uns für
zwei Wochen in ein humanitäres Lager mit rund 20.000 sowjetischen
Kriegsgefangenen gebracht.
Und
an der Elbe wurden Sie dann alle der Roten Armee übergeben?
Ja. Wir wurden natürlich erstmal von den russischen Offizieren überprüft
und befragt. Im sogenannten Filtrationslager galten ja nicht wenige als
Saboteure und kamen nach Sibirien. Ich war dagegen mit vielen anderen
ehemaligen Zwangsarbeitern noch bis 1947 in der sowjetischen Armee, unter
anderem in Berlin und Brest.
Was
haben Sie – dann 24 Jahre alt – nach dieser Odyssee, nach
dem Krieg gemacht?
Ich war bis zu meiner Pensionierung unweit von Gomel Geschichtslehrer.
So hatte ich auch Gelegenheit, mit Schülern über die Folgen
des Zweiten Weltkrieges zu sprechen.
Ihr
Sohn Victor hat seit vielen Jahren freundschaftliche Kontakte nach Deutschland
und kooperiert mit der Alzeyer Gemeindeinitiative bei der Medikamentenhilfe
für Kinder, die an den Folgen von Tschernobyl erkrankt sind. War
das nach Ihren Erfahrungen in Deutschland eigentlich ein Problem für
Sie?
Ich habe schon in der Gefangenschaft gelernt, dass die Deutschen wie alle
Menschen sehr unterschiedlich sind. Es gab solche, die haben uns wirklich
wie Dreck behandelt. Aber es gab auch diesen deutschen Arbeiter, der mir
immer eines von seinen zwei Butterbroten schenkte. Das müssen Sie
sich mal vorstellen, der hat das jeden Tag mit mir geteilt. Das hab ich
natürlich nicht vergessen. Insofern: Nein, ich habe kein Problem,
wenn mein Sohn nun mit Deutschen befreundet ist, die die Folgen von Tschernobyl
etwas mindern wollen. Ich freue mich darüber.
Sohn Victor Motorenko: Es gibt ja zahlreiche, für unser Land sehr
wichtige Tschernobylhilfsprojekte gerade aus Deutschland und es ist schon
irgendwie absurd, aber in gewisser Weise hat diese schreckliche Umweltkatastrophe
auch dazu beigetragen, dass Deutsche und Weißrussen wieder näher
zusammengerückt sind.
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