"Medikamente
für Wanja"
Von
Alzey nach Belarus: Seit 18 Jahren liefert eine Initiative der Evangelischen
Kirchengemeinde Alzey lebensnotwendige Medikamente zur Kinderkrebsbehandlung
ins weißrussische Gomel – eine Region, die bis heute von den Folgen
der Tschernobylkatastrophe geprägt wird.
Von Fabian Berg
| Weißrussland/
im August 2006. Wie seit 18 Jahren liefert eine Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde Alzey auch in diesem Jahr Medikamente für Kinder, die an den Folgen des Tschernobylunglücks erkrankt sind, in ein Krankenhaus nach Gomel. Seit einigen Jahren, so berichten Vertreter der Initiative, werden die Zollmodalitäten in dem von Diktator Alexander Lukaschenko autoritär regierten Land kontinuierlich verschärft. Beim
Zoll angekommen werden die Medikamentenkisten mit einem Marktwert von
40.000 Euro in einer heruntergekommenen Halle gelagert, in der sich hunderte
ähnliche Pakete mit humanitären Gütern befinden und die
mit einem einfachen Vorhängeschloss verriegelt ist. Danach geht es
in vier verschiedene Büros, in jedem werden die mitgebrachten Lieferpapiere
mit Stempeln versehen. Zwei Dutzend Stempel reicher und drei Kisten ärmer
geht es dann zurück zum Autobus nach Gomel. Es wird noch einmal vier
Wochen dauern, bis die Medikamente an das dortige Krankenhaus ausgeliefert
werden dürfen. „Aber Hauptsache, wir haben jetzt auch wirklich
alle Stempel“, flachst der Alzeyer Pfarrer Joachim Schuh. Im Bus sitzen neben Schuh die Initiatorin der Alzeyer Gruppe, Pfarrerin in Rente Gertrud Voelckel, der pensionierte Chefarzt Ulrich Graeber und die Apothekerin Ingrid Helmbold sowie Dolmetscherin Irina Feskova und Chefarzt Dr. Victor Motorenko, Freund und Vorort-Koordinator der Initiative. Bis nach Gomel sind es noch gut vier Stunden Autofahrt. Für Gertrud Voelckel ist es in diesem Jahr die 17. Reise und mit ihren 80 Jahren weiß die Dame nicht mehr, wie lange sie diese anstrengenden Touren noch mitmachen kann. Gleichwohl verkörpert sie das gesamte Projekt mit einer sympathischen Mischung aus sturer Kratzbürstigkeit und mütterlicher Sensibilität. „Ich bin ein Mensch mit vielen Ecken und Kanten“, sagt sie. Noch immer bringe Gertrud Voelckel mit Abstand die meisten Spendengelder für die Initiative auf, erzählt Pfarrer Schuh. Weil sie nach ihrer Pensionierung „noch etwas Sinnvolles“ machen wollte, hat sie sich damals bei einem christlichen Hilfswerk nach möglichen Projekten erkundigt und für Gomel entschieden. Bis heute hat die kleine Alzeyer Initiative Medikamente im Wert von einer halben Millionen Euro nach Gomel geliefert. Finanziert ausschließlich durch Privatspenden. „Erst als die Jodtabletten konfisziert wurden, merkten wir, dass da was nicht stimmte“ In all den Jahren, die sie nun nach Gomel reise, hätten sich die Lebensbedingungen der Menschen deutlich verbessert, bilanziert Voelckel. Gleichwohl seien die Folgen des Tschernobylunglücks mancherorts offensichtlicher denn je, weil die Langzeitwirkungen erst heute zutage treten würden. „Tschernobyl ist ein Text, den wir bis heute nicht verstehen“, beschreibt es der Hörfunkjournalist Norbert Schreiber. Pfarrerin Voelckel glaubt, dass es zu Veränderungen im Erbgut gekommen ist und auch deshalb sei die Zahl der Krebserkrankungen bei Kleinkindern angestiegen. Mit dieser Erschätzung ist sie nicht allein. Dennoch gibt es kaum ein Thema im Zusammenhang mit dem Reaktorunglück, über das heftiger gestritten wird, als über die Opfer- und Krankenzahlen. Von lediglich 50 verstorbenen Liquidatoren am Unglücksort bis zu 100.000 differieren die Opferzahlen der verschiedenen Organisationen. Einigkeit herrscht unter den Experten jedoch über den gravierenden Anstieg von Schilddrüsenkrebs und Leukämie. Messbar ist auch, dass es auf weißrussischem Boden kein einziges Atomkraftwerk gibt, während fast ein Viertel des Landes mit sogenannten Radionukleiden verseucht ist, die die Bevölkerung über die Nahrung aufnimmt. Denn in Weißrussland wird die Hälfte der Lebensmittel privat erzeugt, auf der Familien-Datscha. Als der Block IV in Tschernobyl vor 20 Jahren explodierte, erfuhr die Bevölkerung im Gomelgebiet erst spät davon. Das gilt auch für die Ärzte. Dr. Victor Motorenko, der jetzt die psychiatrische Klinik in Gomel leitet, erzählt: „Erst als die Sicherheitsdienste eine Woche später ins Bezirkskrankenhaus kamen, um unsere Vorräte an Jodtabletten zu konfiszieren, haben wir gemerkt, dass da etwas nicht stimmte.“
Von einigen Medikamenten aus Alzey hängt das Leben der Kinder ab Der stellvertretende stationsleitende Arzt Dr. Dimitri Novik sagt im Rahmen seiner Begrüßung: „Liebe Freunde aus Alzey, Sie helfen unseren Kindern sehr.“ Viele der Kinder würden mit einer akuten Leukämieerkrankung und Metastasen in das Krankenhaus eingeliefert. „Wir haben hier eine gute Diagnostik, aber Probleme mit den Medikamenten, die in Russland hergestellt werden“, erklärt Novik und ergänzt: „Von einigen Medikamenten, die wir aus Alzey bekommen, hängt das Leben der Kinder ab.“ Rund 50 Prozent der Kinder stürben in den ersten fünf Jahren der Behandlung, so Novik. Die Altersspanne der Kinder reiche von Babys bis zu 18-Jährigen. Dennoch würden die Krebserkrankungen vor allem bei den Drei- bis Fünfjährigen sowie den 12- bis 15-Jährigen diagnostiziert. Die Abteilung im Krankenhaus erreiche mit ihrer Heilungsrate weit bessere Erfolge als etwa andere russische Krankenhäuser; die Therapieerfolge seien ausschließlich auf die modernen westlichen Medikamente zurück zu führen, so Novik. Der Alzeyer Arzt, Dr. Ulrich Graeber, erklärt: „Das Problem hier ist hauptsächlich ein Devisenproblem, weil sich die Pharmakonzerne die guten Medikamente in Euro oder Dollar bezahlen lassen.“ Allein im ersten Halbjahr 2006 kamen fast ein Dutzend Kinder mit Leukämie neu auf die Station, sagt Novik. Dies sei mehr als in den Vorjahren und im Verhältnis zum Einzugsgebiet eine überdurchschnittlich hohe Rate. Während früher praktisch keine Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern festzustellen waren, nehmen diese Erkrankungen auf der Station stark zu, so der Arzt weiter.
Über 12.000 Patienten belegen die 360 Betten pro Jahr, die Tagesklinik behandelt weitere 100.000 Patienten im Jahr. 95 Prozent aller Patienten kommen aus dem Gomelgebiet, insbesondere aus dem Süden der Region, nahe der Grenze zur Ukraine und nach Tschernobyl, erklärt die Ärztin. Sie hoffen, bald wieder nach Hause zu kommen Auf der Kinderstation finden die Besucher den dreijährigen Roman, der seit eineinhalb Jahren krank ist und wochenweise zur Chemotherapie kommt. Oder die achtjährige Diane, deren Eltern alle zwei Tage zu Besuch kommen und die schon einen Monat im Krankenhaus ist. Oder auch Alexej, 15 Jahre alt, seit vier Monaten auf der Station, dessen Eltern weiter weg wohnen und nur am Wochenende kommen. Auch er erhält eine aufwändige Chemotherapie. „Ich hoffe, dass ich bald wieder nach Hause kann“, sagt Alexej. Später wird Dr. Novik erklären, dass der Junge noch weitere vier Monate auf der Station bleiben wird – wenn alles gut läuft. Die
kleineren Kinder kommen in Begleitung ihrer Mütter, die bei ihnen
im Bett, in einem Zimmer mit anderen Kindern und Müttern, schlafen.
Die Mütter sind hier so etwas wie das Pflegepersonal, das sich um
die Wäsche und das Füttern der Kinder kümmert. Für
die Familien bedeutet das nicht selten eine Zerreißprobe, etwa wenn
andere kleine Geschwister zuhause warten. Dann springt Babuschka, die
Oma, für das Wohl der Familie ein. In den Kinderzimmern findet sich kaum Persönliches, gemalte Bilder an den Wänden gibt es nicht. „Es ist nicht erlaubt, die Zimmer zu schmücken“, weiß eine Mutter. Die Kinderstation beschäftigt jedoch eine Erzieherin und eine Psychologin, jeweils mit einer halben Stelle, zur Betreuung der Kinder. Gleichwohl gibt es keinen Austausch zwischen diesen Fachkräften und den behandelnden Ärzten. Die meisten der tödlich erkrankten Kinder versterben hier auf der Station. Dies sei für alle Beteiligten, auch die Krankenschwestern, eine große Belastung, erklärt Dr. Novik. Viele Krankenschwestern und Ärzte würden deshalb Stationen mit weniger schweren Erkrankungen vorziehen, so Novik weiter. Die Folge sei dauernder Personalmangel. Am Ausgang der Kinderkrebsstation wartet ein Besucher auf Gertrud Voelckel. Der Mann ist heute 150 Kilometer mit dem Auto angereist, um dieser 80jährigen Dame aus Deutschland Danke zu sagen. Das macht er nun seit drei Jahren. Damals hatte die Alzeyer Initiative für seinen Sohn Wanja eine Medikamentenlieferung veranlasst, die dem Jungen das Leben rettete. Heute ist Wanja sechs Jahre alt – und erfreut sich guter Gesundheit. Die Gomel-Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde ist
weiterhin auf Spenden angewiesen:
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