Einsam
in der Zone
Leben darf hier eigentlich keiner mehr. Einige
Bewohner sind dennoch zurückgekehrt,
in die vom Tschernobylunglück stark verstrahlten Dörfer. Sie werden
von der Regierung geduldet,
leben von Pilzen, Beeren oder Fischen – und ohne Trinkwasserversorgung
und Strom.
Ein Besuch im weißrussischen Dorf Bartolomeewka.
Von Fabian Berg
| Weißrussland/
im August 2006. Das Zeichen auf dem Schild vor dem Dorfeingang ist in der ganzen Welt bekannt, so verständlich wie ein rotes Ampelmännchen. Das gilt auch für jene Menschen, die in jenem Frühsommer 1986 schon vor dem Radio sitzen konnten oder Mütter hatten, die zuhause plötzlich Nahrungsmittel wie Rosinen oder Nüsse horteten. Es braucht keine Russischkenntnisse, um festzustellen, dass hier vor Radioaktivität gewarnt wird. Ein Hinweisschild auf das Dorf Bartolomeewka gibt es dagegen nicht mehr am Ortseingang. Das Radioaktivitätszeichen hat das Ortsschild ersetzt. Dabei war das Dorf einmal ziemlich groß. „Hier lebten 1.800 Menschen, es gab 400 Privathäuser und eine Fabrik für Düngemittel“, erzählt der Dorfbewohner Peter, der erst 52 Jahre alt ist, auch wenn er älter aussieht. „Wir waren das Zentrum der Kolchose.“ Das änderte sich, nachdem am 25. April 1986 um 1 Uhr 23 im 100 Kilometer entfernten Atomreaktor Tschernobyl der Block IV explodierte. Rund 70 Prozent der Strahlung zogen damals als radioaktiver Niederschlag nach Weißrussland, insbesondere in die Region um Gomel, die auf einer „radiation map“ wie ein Flickenteppich aussieht, mit mehr und weniger stark belasteten Gebieten. So kommt es, dass im Dorf Bartolomeewka die Strahlung etwa zweieinhalb mal so hoch ist wie in der Stadt Gomel selbst, obwohl die rund 20 Kilometer näher am Unglücksort liegt. „Wir sammeln Pilze und Beeren“ Peter ist
einer von zehn verbliebenen Bewohnern im Dorf. Seine Kinder wohnen jetzt
in Gomel, ein anderer Teil der Familie in der Nähe von Minsk. Sie
kommen immer seltener zu Besuch. Die Post aber kommt regelmäßig
und liefert eine spärliche Rente, mit der sich die Bewohner dann
im nächst größeren Ort Zucker, Salz, Nudeln und Mehl kaufen
können – eben das, was sie selbst nicht gewinnen können.
Fisch wird selbst gefangen und im Keller getrocknet, das bisschen Vieh
eigenhändig geschlachtet und zerlegt. Gemüse und Obst werden
in Gläser eingelegt, Wasser holen sich die Bewohner aus dem verseuchten
Brunnen geholt, geheizt und gekocht wird im Holzofen. Die Strom- und Wasserleitungen
wurden nach dem Unglück gekappt. Deshalb ist die Postlieferung mit
Rentenscheck so ziemlich der einzige Berührungspunkt mit dem neuzeitlichen
weißrussischen Staats- und Gemeinwesen. „Auf
Vodka, die wichtigste Verteidigungsfront gegen Radioaktivität!“
Ja, man schmeckt sie nicht, man riecht sie nicht und man sieht sie nicht. Im Gegenteil: Alles wächst und gedeiht wie in einem Naturparadies, und jeden Tag schleppen die Bewohner und Besucher eimerweise Pfifferlinge aus dem Wald. Davon landen nicht wenige auf dem Markt im Gomel, wo unter anderem Polen einkaufen, die wiederum die Pilze als Frischware aus Litauen auf deutschen Märkten anpreisen. Jedenfalls erzählt man sich das hier so. Deswegen könne man genauso gut hier zuschlagen, sagt Peter. Und mit Vodka nachspülen. Peter und seine Familie haben ein Pferd, drei Kühe und zwei Dutzend Gänse. Alle Tiere dürfen frei herumlaufen. Wo sollten sie auch hin? Im Haus ist es aufgeräumt, alle Betten sind feinsäuberlich mit selbst gefertigten Stickwaren überzogen, als erwarteten sie Besuch. Am Küchentisch sitzt Ivan, 70, mit ausgebeultem Anzug und säubert Pfifferlinge. Die Frau des Hauses sei gerade im Wald, neue Pilze suchen, erzählt er. Die meisten seiner Verwandten seien schon in den ersten Monaten nach dem Reaktorunglück verstorben. Wenn Ivan an das Dorf vor dem Unglück zurückdenkt, dann hat er viele Kinder vor Augen, die auf den Straßen rannten und spielten. Heute ist hier keiner mehr unter 50 Jahre alt. Nur die Alten bleiben. „Wir können die Strahlen nicht sehen und das ist doch unsere Heimat“, sagt Ivan, und fragt: „Was bleibt uns denn sonst übrig?“ Man schmeckt die Verstrahlung nicht, riecht sie nicht und man sieht sie nicht Nach dem Reaktorunglück vor 20 Jahren dauerte es Monate, bis die Regierenden beschlossen, das Dorf zu evakuieren. Erst im Herbst 1986 wurden zunächst die Familien mit Kindern evakuiert, dann alle anderen. Weil ihnen keine alternative Bleibe geboten wurde, die mit dem gewohnten Dorfleben einigermaßen hätte konkurrieren können, kehrten Menschen wie Peter schon nach wenigen Wochen wieder in ihr Dorf zurück. Als sie kamen, klebten Siegel an den Türen. Wenig später kamen die Bulldozer der Regierungsbehörde und zerstörten das Dorf. Nur denjenigen, die bis dahin zurückgekommen waren, wurde ihr Haus gelassen. Ehemalige Bewohner, die es sich später anders überlegten, fanden kein Heim mehr. So wie Janka, 62 Jahre alt und ein ehemaliger Mitarbeiter der Düngefabrik im Dorf. Er wohnt jetzt etwas weiter, kehrt aber fast jeden Tag mit seinem Mofa wieder zurück und geht Fischen im Dnjepr-Fluss. Auch Janka sagt: „Ich komme, weil das meine Heimat ist.“ Das größte Problem für die Bewohner der Zone? Dolmetscherin Irina spricht mit den Bewohnern und zögert. Schließlich raunt sie: „Es ist die Einsamkeit, die ihnen am meisten zu schaffen macht, aber das soll ich nicht übersetzen.“ Menschen kämen nur, wenn sich Ausländer in die verbotene Zone fahren lassen oder wenn Weißrussen aus weniger verstrahlten Gebieten in die üppige Vegetation reisen, um für sich selbst Pilze zu sammeln oder um von den Feldern Heu zu ernten. Als Futter fürs Vieh.
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