Lutherstadt Worms
Worms hat immer Religionsgeschichte geschrieben: Von Luther,
über den Dom bis hin zum alten jüdischen Leben in dieser Stadt

Dekan Harald Storch über Worms und seine religiösen Spuren

"30 Jahrhunderte schauen auf euch herab", dies soll Napoléon seiner Armee angesichts der Pyramiden zugerufen haben. Unsere Stadt lädt ein zum "Rundgang durch zwei Jahrtausende." Wir sind im freundlichen Schatten des tausendjährigen Domes von Spuren der christlichen Geschichte umgeben. Größe und Elend der Vergangenheit kommen in den Blick, Glaubensstärke und Irrwege. Gerade die bedeutenden Zeugnisse aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Worms, wie Synagoge und alter Judenfriedhof, sind Mahnung, Verpflichtung und Bereicherung zugleich.

Das Reformationsdenkmal im Zentrum der Stadt erinnert an die Bedeutung des Wormser Reichstags für die Geschichte aller Evangelischen. Dennoch könnte die zu direkte Orientierung an der monumentalen Gestalt des Reformators uns Heutige überfordern, oder auch dazu verführen, den Mund zu voll zu nehmen.

Beim Wormser Reformationsdenkmal finden sich aber auch vier sogenannte Vorreformatoren zu Füßen Luthers, in Größe und Statur uns selbst ähnlicher. Außerdem sind sie mehr noch als der Reformator in der einen mittelalterlichen Kirche verwurzelt. Zudem stehen sie auch für den europäischen Horizont unserer Zukunft. Diese vier möchte ich Ihnen als Modelle des Christseins näherbringen.

Als ersten nenne ich Jan Hus aus Böhmen. Manche haben in seinem auf das Dorf Husinec bezogenen Nachnamen einen Anklang an das tschechische Wort "Husa", die Gans hören wollen. Daraus wurde dann ein Wortspiel mit Luther als einem Schwan, der 100 Jahre nach Hus unüberhörbar wurde. Doch das gehört möglicherweise in den Bereich dessen, was der spätere böhmische Landsmann, Schwejk Josef mit Namen, so kommentiert hätte: "es ist die Wahrheit, oder mecht`, doch wenigstens gern so gewesen sein!" Hussens Blick ist fest auf den Gekreuzigten gerichtet. Dort war der Dreh- und Angelpunkt seines Denkens und Handelns. Dieser Glaube hat ihn gestärkt und ihm neue Wege eröffnet. Dafür hat er sein Leben riskiert und in solchem Vertrauen ist er 1415 gestorben. Dass wir nicht allein sind, sondern zu Jesus Christus gehören, das ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben.

Der Engländer John Wiclif, ein indirekter Lehrer von Jan Hus, schaut voller Konzentration in die Bibel. So sehr wir unseren Verstand gebrauchen müssen, um uns selbst in unserer Welt zu verstehen, es ist die heilige Schrift, durch die Gott uns anredet. Von der Bibel mit anderen ins Gespräch über Glauben und Leben gezogen zu werden, ist das Beste, was uns religiös passieren kann, auch heute angesichts exotisch-neureligiöser Erfahrungssuche.

Der um 1200 gestorbene Petrus Waldes blickt gleichsam aus der Bibel heraus. Was er, der ehedem reiche Kaufmann aus Lyon, vom Glauben und vom einfachen, christlich-glaubwürdigen Leben in der Schrift gelernt hatte, das wollte er auch anderen mitteilen und als Wanderprediger hat er den entsprechenden Stab und Hut bei sich. Er ist der sogenannte Laie in unserer Runde der Vorreformatoren. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er das Evangelium immer von mindestens Zweien gemeinsam verkündigt und gelebt wissen wollte. Weil sich die Waldenserprediger nicht in vereinzelt-väterlicher Überordnung verstanden, ließen sie sich lieber "barbie", Onkelchen, nennen. Es erstaunt kaum, dass es in dieser Welt auch predigende Schwestern und Tantchen gab. Als Onkel oder Tante mit der Bibel gemeinsam mit anderen unterwegs zu sein, ist eine lohnende Perspektive.


Hieronymus (Girolamo) Savonarola schließlich hatte auch nach seinem Tod 1498 lange eine sehr schlechte "Presse", nicht nur bei den Geschichtsschreibern. War der Dominikanermönch aus Florenz doch ein überaus harter Gegner gesellschaftlicher und religiöser Mißstände, kritisch bis zur Erbarmungslosigkeit. Drohend ragt sein Zeigefinger hervor. Manche empfinden kritische Worte aus dem Bereich der Kirchen heute offenbar ganz ähnlich: Einmischerisch, anmaßend und lieblos. Andere wiederum vermissen gerade die scharfen und dadurch klärenden Worte. Dabei sind prophetische Taten und unbequeme Worte ganz wesentliche Aspekte unseres Glaubens, wenn auch nicht die einzigen.

Einmal abgesehen davon, daß Savonarola selbst wohl etwas unfair gesehen wird, denke ich, die Menschen hören und erwägen solch unbequemes Reden und Tun, wenn es im Blick auf den Gekreuzigten entstanden ist, wie bei Jan Hus, wenn es klar an der Schrift geprüft wurde, wie Wiclif das tat und wenn es nachbarschaftlich – solidarisch lebend vermittelt wird, wie von Petrus Valdes. In diesem Sinne versuchen wir unsere Arbeit in der Gegenwart zu gestalten

Dekan Harald Storch

 

Martin Luthers
Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms am 18. April 1521

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www.luther.de

Kaum eine andere euro-päische Stadt besitzt eine derartige Vielfalt bedeut-samer baulicher Zeugnisse einer reichen jüdischen Ge-schichte und Tradition aus zehn Jahrhunderten wie "Warmaisa".
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"Gerade die bedeutenden Zeugnisse aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Worms, wie Synagoge und alter Juden-friedhof, sind Mahnung, Verpflichtung und Bereicherung zugleich."

Dekan Harald Storch